Atomausstieg ohne Uranfabrik

UAA Gronau / NRW: Atommüll unter freiem Himmel

Laut Atomausstiegsgesetz soll 2022 Schluß sein mit der Atomkraft in Deutschland. Mit Ausnahmen: Forschungsreaktoren in Berlin, Mainz und Garching arbeiten ebenso wie die Brennelementefabrik in Lingen/Emsland weiter. Und die Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau/NRW, um die es in diesem Beitrag geht. Diese Anlage und ihr Betrieb ist ein weiterer Beleg für das Atommüll-Desaster in diesem Land und die weitere Versorgung von Schrott-AKW’s wie Tihange und Doel in Belgien über eine Zwischenfirma.

Die UAA Gronau wurde bereits beim ersten Atomausstieg um die Jahrtausendwende von Rot-Grün ausgeklammert. Zwar ist jetzt die Stilllegung im rot-grünen Koalitionsvertrag in NRW als Ziel festgeschrieben. Die Anlage gilt jedoch als “normales” Unternehmen, zuständig ist Wirtschaftsminister Duin (SPD). Dass der Minister mit der Schließung der Anlage keine Eile hat, ergibt sich aus den Besitzverhältnissen: Die Betreiberfirma Urenco gehört zu je einem Drittel dem britischen Staatsunternehmen British Nuclear Fuels und dem niederländischen Staatsbetrieb Ultra Centrifuge Nederland sowie der deutschen Uranit GmbH, einer Tochter der Konzerne Eon und RWE. RWE wiederum ist zu einem Viertel im Besitz von NRW-Kommunen. Kunden von Urenco sind AKW-Betreiber weltweit. Bis 2011 war auch Fukushima-Betreiber Tepco dabei.

Was in Gronau geschieht

Natururan besteht nur zu etwa 0,7 % aus dem spaltbaren Uranisotop U 235. In Urananreicherungsanlagen wird der Anteil auf 3 - 4 % erhöht - ausreichend für Brennelemente. Noch höher angereichertes Uran kann zum Bau von Atombomben verwendet werden. In den Anlagen wird U 235 in einem Teil der Uranmischung angereichert, im Rest abgereichert. Pro Tonne angereichertem Uran fallen etwa 5,5 Tonnen abgereichertes Uran an. Ca. 5 % davon wird u. a. für panzerbrechende Uranwaffen genutzt. Die restlichen 95 % sind Atommüll, dessen dauerhafte sichere Lagerung noch völlig ungeklärt ist. Jährlich entstehen in der UAA Gronau ca. 6000 bis 7000 Tonnen Atommüll. In einer neuen Lagerhalle auf dem Betriebsgelände mit unbefristeter Betriebsgenehmigung sollen künftig 60.000 Tonnen Uranmüll deponiert werden. Noch bis 2014 galt derartiger Uranmüll als „Wertstoff“: ein weiterer Versuch von Atomwirtschaft und Politik, den Atommüll-Berg - ähnlich wie beim AKW-Rückbau durch „Freimessen“ - künstlich zu verkleinern. Von 1996 bis 2008 wurden so insgesamt 27.300 Tonnen dieses radioaktiven „Wertstoffes“ zur angeblichen „Weiterverarbeitung“ nach Russland transportiert. Auf diese Weise wurde das im Atomgesetz verankerte Exportverbot für Atommüll umgangen.

Uranhexafluorid - radioaktiv und hochgiftig

Bestimmungsorte in Russland waren die „geschlossene Stadt“ Nowouralsk, die nur mit Sondergenehmigung betreten werden darf. Und die Stadt Angarsk. In beiden Städten gibt es Urananreicherungsanlagen. Die russische Umweltgruppe „Ecodefense“ geht ebenso wie das „Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen“ davon aus, dass der Atommüll fast komplett auf Halde liegt und nur in geringen Mengen wieder angereichert wurde. Dieser Atommüll ist nicht nur radioaktiv sondern auch hochgiftig. Das Uran aus den Minen wird zum Anreichern zu Uranhexafluorid (UF 6) verarbeitet. UF 6 reagiert in Verbindung mit Wasser sofort zu extrem aggressiver Flusssäure. Hautkontakt führt zu schweren Hautverbrennungen sowie radioaktiver Kontamination. Beim Einatmen zerfrißt Flusssäure die Lunge und kann zum Tod führen. Dazu reicht schon Luftfeuchtigkeit aus. UF 6 wird bei 56 Grad C gasförmig und breitet sich extrem schnell aus. Der Brand eines Transportbehälters setzt bereits große Mengen an UF 6 frei. Durch die hohe Konzentration kann schon ein kurzer Aufenthalt im 100 m-Umkreis des Unfallorts tödlich sein.

Brennstoff für die Ukraine

Herstellung von atomwaffenfähigem Material

Knapp 10 % des weltweit angereicherten Urans stammen aus der UAA Gronau. Die Anlage ist also Teil der globalen Uranwirtschaft. Im August 2016 unterzeichnete Urenco - Betreiber von insgesamt weltweit vier Urananreicherungsanlagen - einen Vertrag mit der staatlichen ukrainischen AKW-Betreiberfirma Energoatom über die Lieferung von angereichertem Uran für ukrainische AKWs. Ob die UAA Gronau der Lieferant sein wird, ist noch offen. Die Besitzanteile bei Urenco machen aber deutlich, dass ein derartiger Liefervertrag nicht ohne Zustimmung der Bundesregierung zustande gekommen sein kann. Europäische Institutionen haben die ukrainische Atomwirtschaft erst kürzlich mit Krediten von über einer halben Milliarde Euro versorgt. Die Ukraine setzt auf eine Laufzeitverlängerung der teilweise über 30 Jahre alten sowjetischen Reaktoren. Und Deutschland hilft beim Weiterbetrieb...
Leider nimmt die breite Öffentlichkeit in Deutschland diese Vorgänge kaum zur Kenntnis. Anlass zur Beunruhigung sind sie allemal: “Urencos Anreicherungstechnologie ist zur Herstellung atomwaffenfähigen Materials gut verwendbar”, zitiert die “TAZ/die tageszeitung” am 19.09.2013 Rainer Moormann, der 26 Jahre am staatlichen Kernforschungszentrum Jülich arbeitete.

Ein Nachtrag: das Oberlandesgericht Hamm hat jetzt die Revision eines Urteils des Landgerichts Münster abgelehnt. Danach sind ungewöhnlich hohe Geldstrafen mit 90 und 110 Tagessätzen gegen Antiatom-Aktivisten rechtskräftig, die 2012 die Bahnstrecke zwischen Münster (Westfalen) und der UAA Gronau durch Ankett- und Kletteraktionen blockierten. Es stimmt leider: Widerstand gegen Wirtschaftsinteressen mußte in Deutschland schon immer teuer bezahlt werden.

Rainer Scheffler
AK.W.Ende Bergstrasse